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Von E-Commerce zum E-Kommunismus

Chinesische Unternehmen positionieren sich auf der globalen Bühne als führende innovative Anbieter. Gary Greenberg, Head of Emerging Markets bei Hermes Investment Management, nimmt dies zum Anlass, um zu beurteilen, welche Auswirkungen dies auf das politische Machtgefüge des Landes haben könnte.

Ob die Kommunistische Partei mit Chinas Wandel zu einer offeneren Marktwirtschaft die Kontrolle über die Wirtschaft und die Bevölkerung aus der Hand gibt, wird seit geraumer Zeit kontrovers diskutiert. Der jüngste Vorstoß der Partei zur Formalisierung der eigenen Rolle in großen Staatsunternehmen lässt Einschätzungen, dass Peking die Kontrolle über den Markt lockern wird, fragwürdig erscheinen. Der 19. Parteikongress im Herbst wird wichtige Hinweise liefern, ob Staatspräsident Xi Jinping erneut dafür eintreten wird, dass der Markt „entscheidenden“ Einfluss auf die Wirtschaft haben soll. Das beeindruckende Wachstum in den Bereichen Internet und E-Commerce könnte aber unerwartete Auswirkungen auf Chinas Politik haben.

Für jene von uns im Westen, für die „Made in China“ seit jeher „billige Nachbildung des Originals“ bedeutet, ist die Vorstellung von China als Hort der Innovation eine Herausforderung. Wir täten aber gut daran, uns vor Augen zu führen, dass China einst das Schießpulver, bewegliche Lettern und Raketen erfand.

Chinesische Innovationen rücken erneut in den Vordergrund, da die Regierung die Mittel für die Forschung spürbar aufstockt und mittlerweile deutlich mehr Patente erteilt werden als im Rest der Welt. In China machen in den Fachbereichen Naturwissenschaften, Technologie, Ingenieurwissenschaften und Mathematik weit mehr Studenten ihren Abschluss als in den USA. Zudem gilt China in vier von acht naturwissenschaftlichen Kernbereichen mittlerweile als einflussreichstes Land.

Quantensprung 

Asiens große Wirtschaftsmacht holt auch im Bereich der Physik auf, plant das Land doch unter anderem den Bau des weltweit größten Teilchenbeschleunigers. Chinesische Teams, die an Quantencomputern arbeiten, melden stetige Fortschritte, stellten 2016 mit 10 verschränkten Photonen einen Weltrekord auf und streben nun 50 für das Jahr 2020 an – ein Wert, bei dem ein echter Quanten-Superrechner realisierbar wird.

Trotz ihrer seit Langem etablierten Konkurrenten sind chinesische Unternehmen fest entschlossen, bei der nächsten Generation der Telekommunikationstechnologie eine führende Rolle zu spielen. Im November 2016 stach China Mobile ausländische Konkurrenten als federführender Anbieter im globalen Projekt zur Einführung der 5G-Systemarchitektur aus, das die Struktur von 5G-Netzen festlegen wird.

Andreessen Horowitz, die namhafte Wagniskapitalfirma aus dem Silicon Valley, weist auf Anzeichen für einen Rollentausch hin, da es mittlerweile zahlreiche Beispiele für US-Unternehmen gibt, die Vorbildern aus China nacheifern. Das Unternehmen hebt dabei LimeBike hervor, ein kalifornisches Startup-Unternehmen, welches das Modell des Fahrrad-Sharings ohne Dockingstation, das erstmals von den chinesischen Firmen Ofo und Beijing Mobike eingeführt wurde, für US-Verbraucher adaptiert hat. Auch Apple hat kürzlich die Chat-Anwendung iMessage um Zahlungsdienste erweitert, die eine Lösung von Tencent als Vorbild haben.

Die Evangelisten der neuen Technologien

Jack Ma, der Gründer von Alibaba, verfolgt unterdessen das Ziel, eine globale Plattform für kleine Unternehmen in aller Welt aufzubauen, über die diese die Verbraucher besser erreichen. Bis 2036, so hofft Alibaba, sollen 2 Mrd. Verbraucher Zugang zu den Angeboten haben; der Bruttowarenwert soll dabei etwa dem BIP Großbritanniens entsprechen. Der Übergang zu einer technologieorientierten Wirtschaft, der in den USA und anderen westlichen Volkswirtschaften im Großen und Ganzen ohne staatliche Eingriffe vonstattenging, ist für die nationale Politik Chinas zu einer dringlichen Angelegenheit geworden.

Damit sich das „alte China“, das von einer Schwerindustrie im Staatsbesitz geprägt war, zum „neuen China“ der innovativen Technologieunternehmen und Dienstleister wandeln kann, muss frisches Kapital in diese „New Economy“ geleitet werden. Aktuell scheinen sich die Maßnahmen des Landes zur Steuerung der Kapitalflüsse allerdings stärker auf die „Old Economy“ zu konzentrieren, und die spärlichen staatlichen Mittel erzielen auf gesamtwirtschaftlicher Ebene eine eher dürftige Wirkung.

Wenn man das Vorgehen der Behörden wohlwollend beurteilt, könnte man zu dem Schluss kommen, dass der Staat das Risiko einer Verdrängung erkannt hat und erwartet, dass erfolgreiche Unternehmen der „New Economy“ selbst Kapital anziehen. Aufgrund der Risikoabneigung der Banken und der Kontrolle von oben dürfte Kapital am wahrscheinlichsten durch Börsengänge und Steueranreize in diesen Teil der Wirtschaft fließen.

Auf kommunaler und Provinzebene erweisen sich Maßnahmen zur Förderung von Unternehmen der „New Economy“ bereits als recht erfolgreich. Beispielsweise verfolgt Shenzhen sehr ehrgeizige Ziele in Bezug auf die Einführung von Elektrofahrzeugen; laut einer Vorschrift in Shenzhen müssen Elektrofahrzeuge 20% der Neuzulassungen ausmachen – was zweifellos Unternehmen wie BYD (Chinas größtem Hersteller von Elektrofahrzeugen) helfen soll.

Langfristige Innovationen fördern

Eine Hochschulfinanzierung zur Innovationsförderung, wie sie in den USA praktiziert wird, ist in China ein langfristiges Ziel. Der aktuelle Ansatz zur Wachstumsförderung in der „New Economy“ scheint aber zu funktionieren. Nennenswertes Wachstum erzielen derzeit Unternehmen mit unternehmerisch denkenden Gründern, echten Technologien und dem Potenzial, nachhaltig Wettbewerbsvorteile zu erzielen.

Die Gefahr, dass die Zentralregierung diese Unternehmen durch eine zu starke Regulierung in ihren Möglichkeiten einschränkt, ist im Vergleich zu dem, was Facebook oder Google in den USA und Europa wohl droht, auch eher gering – jedenfalls solange die Unternehmer nach den Regeln der Partei spielen. Trotz dieser positiven Aspekte darf aber nicht vergessen werden, dass der Wandel zu einer technologieorientierten Volkswirtschaft zwar ein Schritt nach vorn ist, die Zentralisierung der Macht in Peking aber wenigstens noch in den nächsten fünf bis zehn Jahren weiter Bestand haben dürfte.

Kapitalismus: der Partei zu Diensten?

Alibaba und Tencent wollten nicht warten, bis die Behörden den Weg für die Marktkräfte frei machen und haben sich bereits als Innovationsführer in den Sektoren globaler E-Commerce und soziale Medien positioniert. Im Zuge ihrer Expansion, in der sie die Möglichkeiten erforschen und ausnutzen, die sich durch „Big Data“ ergeben, tragen sie zu den Umwälzungen bei, die nicht nur die Geschäftswelt verändern, sondern auch politische und wirtschaftliche Modelle beeinflussen könnten.

In seinem Nachkriegsklassiker „Der Weg zur Knechtschaft“ erklärt Friedrich Hayek, dass zentrale Planwirtschaften ohne jederzeit verfügbare Erkenntnisse und Informationen über die Vorlieben der Verbraucher keine Aussicht auf Erfolg haben würden. Tatsächlich ähneln die Daten, die Alibaba Tag für Tag aus mehreren hundert Millionen Transaktionen gewinnt, zunehmend diesen überaus wichtigen Informationen.

Nicht bekannt ist, ob sich die Behörden der Bedeutung des Marktinformationsapparats von Alibaba bewusst sind oder gar Informationen daraus gewinnen. Dies deutet jedoch darauf hin, dass der Kapitalismus, den die Regierung genutzt hat, um die Wirtschaft zu modernisieren und Millionen von Menschen einen Weg aus der Armut zu weisen, den Zielen der Kommunistischen Partei Chinas auch weiterhin dienlich sein kann, anstatt ihre Vorherrschaft zu gefährden. Das politische Machtgefüge in China dürfte sich nicht sehr bald verändern.

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